Imbolc, Maria Lichtmess und die Lüge von der neutralen Spiritualität

740 Wörter, ca. 6 Minuten Lesezeit.

Warum inneres Licht ohne Haltung wirkungslos bleibt.

Der Jahresbeginn trägt ein stilles, oft übersehenes Tor in sich.
Imbolc, das alte keltische Fest Anfang Februar, markiert kein sichtbares Erwachen.

Kein Blühen, kein Ergebnis. Es markiert etwas Unbequemeres: inneres Werden. Leben entsteht hier im Verborgenen – im Bauch der Erde, im Dunkel, lange bevor es Form annimmt oder sich rechtfertigen muss. Ein leises, inneres JA – noch ohne Resonanz im Außen.

Das muss getragen und (aus)gehalten werden können.

In einer Kultur, die Sichtbarkeit, Leistung und Ergebnisse über alles stellt, ist dieses Unsichtbare verdächtig.

Es entzieht sich Kontrolle. Es lässt sich nicht beschleunigen, nicht verwerten.

Das Patriarchat ist mit diesem Sein und Wissen nicht behutsam umgegangen.
Aus Imbolc wurde Maria Lichtmess. Aus dem inneren Feuer eine geweihte Kerze. Aus zyklischer Fruchtbarkeit eine moralische Ordnung.

Das Fest wurde vom lebendigen Naturmoment in eine kirchliche Deutung verschoben – nicht, um das Licht zu ehren, sondern um es einzuordnen.
Maria Lichtmess trägt noch Licht, ja. Aber es feiert nicht mehr das Werden selbst, sondern die Unterordnung des Lichts unter eine bestehende Ordnung.

Das ist kein historisches Detail. Es ist ein Muster.


Über die Angst vor Ganzheit

Was hier verschoben wurde, ist zentral: Ganzheit.
Ganzheit bedeutet: Körper und Seele. Inneres Erleben und äußeres Handeln. Spiritualität, Ethik und Verantwortung als untrennbar verbunden.

Das Patriarchat trennt.
Es erlaubt Innerlichkeit, solange sie keine Konsequenzen im Außen hat.

Es duldet Spiritualität, solange sie nicht stört, nicht einmischt, nicht positioniert.

Diese Logik prägt nicht nur etablierte Religionen – sie wirkt bis heute in der Mainstream-Spiritualität fort.

Besonders sichtbar wird das im vielzitierten Dogma:
„Heal yourself to heal the world“

Dieser Satz enthält eine Wahrheit – und genau deshalb ist er so gefährlich.
Ja, innere Arbeit ist essenziell. Ja, Bewusstseinsarbeit beginnt innen. Aber isoliert wirkt dieser Satz entmenschlichend. Unterschwellig sagt er:
Kümmere dich um dich. Die Welt ist nicht dein Feld.
Wenn du betroffen bist, bist du noch nicht „weit genug“.

So wird ein zutiefst menschliches Bedürfnis nach Beziehung, Mitgefühl und Verantwortung subtil entwertet.

Die Sehnsucht, sich einzumischen, zu schützen, Stellung zu beziehen, wird als unreif oder „niedrig schwingend“ abgetan.

Die Fähigkeit in die Welt hineinzuwirken wird entkräftet, stärker noch, ihr wird Bedeutung abgesprochen!

Das ist keine spirituelle Reife – das ist Rückzug mit spirituellem Anstrich.

Spiritualität war nie neutral.

Letzte Woche habe ich deshalb gefragt:
Wer hat eigentlich erfunden, dass Politik „low vibration“ ist und spirituelle Menschen keine klare Haltung haben dürfen?

Wer wars? Die Gründungsväter des Patriarchats, die um die Kraft der Ganzheit wussten.

Die Systeme und Einzelpersonen die von dieser Idde profitiert haben, haben es weitergetragen und tragen es bis heute weiter.

Und: Diese Trennung ist kein Zufall. Sie ist Teil derselben patriarchalen Überschreibung, die das Unsichtbare kontrolliert und Ganzheit zerlegt.

Sie schützt bestehende Machtverhältnisse, indem sie Spiritualität entpolitisiert.

Dabei war Spiritualität nie neutral.
Nicht im frühen Christentum. Nicht in mystischen Traditionen. Nicht in indigenen Kulturen. Spirituelle Praxis war immer eine Frage von Ausrichtung:
Wem diene ich?
Was schütze ich?
Wo stehe ich, wenn Würde verletzt wird?


Ein aktuelles Beispiel: gelebte Spiritualität mit Risiko

Wie real diese Frage ist, zeigt ein aktuelles Beispiel aus den USA:
Bischof Robert Hirschfeld von der Episcopal Church in New Hampshire hat die geweihten Priester seines Bistums öffentlich dazu aufgerufen, ihre Angelegenheiten und Testamente zu regeln. Seine Begründung: Es könne eine Zeit anbrechen, in der geistliche Verantwortung bedeute, den eigenen Körper zwischen die Gemeinden und die ICE Agenten zu stellen, um das Leben der ihnen anvertrauten Menschen notfalls mit dem eigenen zu schützen.

Das ist keine Metapher.
Das ist Spiritualität, die Leib, Haltung und Verantwortung verbindet.
Eine Spiritualität, die nicht fragt, ob etwas „hoch schwingt“, sondern ob es menschenwürdig ist.

Und es ist ein Aufruf, der die ursprünglichen Idee der katholischen Kirche ehrt, denn „katholisch“ bedeutet eigentlich „allumfassend“ und „das Ganze betreffend“.



Inneres Licht sucht Beziehung

Sich auf sich selbst zu besinnen ist wichtig.
Aber nur dann, wenn diese Besinnung zurück in Beziehung führt:
zu anderen Menschen, zur Welt, zu Macht, zu Ungerechtigkeit, zu der Frage, wie wir leben wollen.

Ich frage mich ehrlich, wie fundamentalistische Christen es wagen können, sich Christen zu nennen, während sie Unmenschlichkeit, Ausgrenzung und Gewalt legitimieren. Nicht, weil ich christliche Spiritualität infrage stelle – sondern weil ich sie ernst nehme. Ein Glaube, der Mitgefühl predigt und Grausamkeit praktiziert, ist keine Spiritualität. Er ist Ideologie.

Imbolc erinnert uns daran:
Das Licht, das im Dunkel entsteht, will sich entfalten dürfen – seiner Natur entsprechen.

Es will nicht gezwungen werden.

Echte Spiritualität war nie Rückzug.
Sie war immer Beziehung und Antwort.

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Über Intuitive Female Leadership

Während ich hier sitze, zwischen Meer und Olivenbäumen, wird mir wieder einmal schmerzlich bewusst:
Wir Menschen haben nicht einfach verlernt, aus dieser Energie zu führen – wir wurden systematisch entwurzelt.
Wir sind aufgewachsen in einer Welt, die Gewalt, Konkurrenz, Kontrolle und Entfremdung als notwendige Führungsqualitäten verkauft hat. Wir wurden konditioniert, Härte mit Stärke zu verwechseln, Anpassung mit Intelligenz, und Abgrenzung mit Freiheit. Wir wurden dazu erzogen, die Abwertung des Weiblichen – in uns und um uns herum – zu akzeptieren. Das ist die patriarchale Programmierung.

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für dich.
in dieser zeit.